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Auszug aus dem neuen Buch "Seilschaften der Liebe" - noch keinen Verleger gefunden:

Sveta

 

Ich bin die Freundin  von Elena“, las Jo einige Wochen später in seinem Mailkonto:

„Ich kenne die Nordsee und Amsterdam noch nicht. Freunde waren dort. Sie erzählen viel davon. Kannst Du mir  helfen, das auch zu sehen?“.

 

Bereits zwei Wochenenden später stand Jo am Bremer Flughafen und wartete auf das Eintreffen des Lufthansafluges aus Prag mit Umsteigen in München.

 

Da er kein Bild von Sveta hatte, war er gespannt, welche der durch die Ausgangssperre kommenden Frauen ihn ansprechen würde. Sveta hatte geschrieben, dass Elena ihr ein Bild von ihm gegeben hatte.

 

Mehrere Frauen sahen Jo erstaunt oder ermunternd in die Augen. Er lächelte allen zu. Aber dann wandten sie sich zu ihren Männern oder Freunden, die sie begrüßten. Keine sprach ihn an.

            Jo sah durch die Glastür in die Ankunftshalle. Er beobachtete das leere, langsam laufende Gepäckband. Kein Ankommender war zu sehen. Er wusste nicht, was er tun sollte.

 

Sein Handy klingelte. Es war Elena:

„Jo, meine Freundin hat angerufen. Sie findet dich nicht. Wo bist du?“.

 

„Im Bremer Flughafen, wie besprochen“.

 

„Wo genau?“.

 

„Am Ausgang der ankommenden Flüge“.

 

„Bitte genauer“.

 

„Hier ist eine Automatiktür, die aufgeht, wenn die Passagiere ihr Gepäck vom Band genommen haben und in Richtung ‚Ausgang’ gehen“.

 

„Jo, sei doch nicht so schwierig. Kein Wunder, dass dich meine Freundin nicht findet“.

 

Dann ergänzte sie:

„Hast du kein Schild hochgehalten mit ‚Welcome Sveta’, oder ähnliches?“.

 

„Nein“, gestand Jo.

„Mache ich jetzt aber sofort, Elena“.

„Telefonieren sie gerade mit einer Elena“, eine ängstliche, unsichere Stimme erklang hinter Jo.

 

„Ja. Sind sie Sveta?“

 

„Alles klar, Elena. Wir haben und gefunden“.

 

„Na endlich!“, damit legte Elena auf.

 

 

Entschuldigen sie bitte, dass ich mich nicht deutlicher kenntlich gemacht habe“. Jo wandte sich seinem Besuch zu.

 

„Ich muss mich entschuldigen. Ich habe ihr Bild zu Hause vergessen“.

 

Eine leise, aber sehr deutliche Stimme mit russischem Akzent drang zu Jo. Er bemühte sich, sie nicht mit seinen Blicken abzutasten. Erkannte trotzdem ein leicht mongolisches Gesicht. Sie war einfach gekleidet. Keine Ohrringe, geschminkte Lippen oder künstliche Augenschatten konnte er erkennen.

 

‚Wie bei KIK eingekauft’ dachte er.

 

„Wollen wir uns nicht duzen?“, fragte sie.  

 

„Aber gerne!“

„Ich habe ein Hotelzimmer für dich gebucht“, fuhr er fort, um die Situation gleich zu klären:

„Ganz in der Nähe von meiner Wohnung“.

 

„Das ist gut“, antwortete sie.

 

 

            Aber der Besuch gestaltete sich anders, als Jo erwartet hatte. Sveta wollte seine Wohnung kennen lernen.

„Damit ich meiner Freundin erzählen kann, wie du wohnst“.

 

Sie war begeistert von seiner Wohnung im dritten Stock. Er bot ihr Kaffee, Tee oder Wasser an. Sie bestand auf Wein, den Jo von einer Nachbarin besorgen musste.

 

Als Jo zurückkam, hatte sie bereits ihre Reisetasche in das ‚Kinderzimmer’ gestellt und duschte sich im Bad. Jo hatte ein Zimmer seiner Wohnung für seine Kinder eingerichtet, damit sie einen eigenen Raum hatten, wenn sie ihn am Wochenende besuchten.

 

„Dein Bad ist aber richtig alt“, sagte Sveta, nur mit einem Handtuch bekleidet:

„Hast du die Wohnung gemietet oder gekauft?“.

 

„Nur gemietet“, antwortete Jo:

„Werde bestimmt wieder umziehen, wie ich mich kenne“.

 

Sveta ging auf seine Aussage nicht ein. Sie erzählte, sich neben Jo setzend:

„Ich habe in der Nähe von Prag eine kleine Wohnung gekauft. Nur zwei Zimmer, aber das genügt mir. Mein Sohn wohnt in einem Studentenheim direkt in Prag“.

 

Jo hob sein Weinglas und prostete ihr zu:

„Auf ein interessantes Wochenende für Dich“.

Sveta ergänzte, bevor sie trank:

тост (Prost)“.

Dabei löste sich das Handtuch von ihrem Körper und fiel herunter.

Jo begründete die Stornierung der Zimmerbuchung des Hotels mit einer plötzlichen Krankheit. Überraschend akzeptierte die Dame in der Buchungszentrale seine Stornierung. Jo hatte mit Problemen bei seiner kurzfristigen Absage gerechnet.

 

 

Auf der fast vierstündigen Fahrt von Bremen nach Amsterdam erzählte Sveta viel von sich. Jo hörte gerne zu. Er liebte interessante Lebensgesichten.

 

Sveta war in der ehemaligen DDR in Potsdam Lehrerin gewesen. Sie unterrichtete Mathematik an einer russischen Hochschule. Durch einen Zufall war sie zum KGB gekommen und  zum Offizier in der russischen Armee aufgestiegen. Nach der so genannten ‚Wende’, die den Abzug der russischen Armee aus Deutschland forderte, wurde sie in Wladiwostok als Leiterin der ‚westlichen Kommunikation’ eingesetzt. In einem Crash-Kursus musste sie schnell Englisch lernen. Viele ausländische Besucher und Kontrolleure kamen, um das in westlichen Ländern umjubelte „Perestrojka’ zu kontrollieren.      

 

„Es war eine interessante Aufgabe“, erzählte sie:

„Aber wir mussten immer die ‚Dummen’ spielen“.   

 

„Wieso die Dummen?“, entfuhr es Jo:

„Ihr habt mit dem Sputnik als erste Nation den Weltraum geöffnet und mit Gagarin, den ersten Menschen in eine Umlaufbahn um die Erde geschickt“.

 

„Du bist typisch westlich erzogen“, antwortete Sveta:

„Darum ging es doch gar nicht. Der Sinn lag erst in der Vorherrschaft der weltumspannenden Spionage. Dann, sehr schnell erkannt, in der Entdeckung von Bodenschätzen und zuverlässigen Wettervorhersagen. Glaubst du, die Amerikaner hätten den Irak Krieg begonnen, wenn sie einen Sandsturm erwartet hätten?“.

 

Nach einer Pause fügte sie nachdenklich hinzu:

„Unsere Erfolge in der Weltraum-Forschung haben sich international erfolgreich durchgesetzt. Einige Männer sind sehr reich davon geworden. Erinnere Dich, wie oft ist das amerikanische ‚Space Shuttle’ nicht gestartet, oder sogar beim Start explodiert. Wie viele Astronauten sind verglüht! Hast du jemals gehört, dass russischen Raketen mit Menschen ähnliches passiert ist? Nein, unsere Technologie auf diesem Sektor ist einfach erprobter und besser“.

 

„Und was ist mit der Ariane?“. Jo wollte sich nicht ihren Argumenten beugen.

 

„Jo, ich weiß natürlich, dass dein Vater das  ‚Wabentriebwerk’ erfunden hat“, antwortete Sveta überraschend für Jo.

 

„Auch wir verfolgen die Erfolge der europäischen Raumfahrt. Sie ist rein kommerziell, ohne Anspruch auf Sensationen. Deshalb ist sie so erfolgreich. Viele Staaten und Unternehmen nutzen die Ariane, um Wetter- und Nachrichtensatteliten erfolgreich in der Erdnähe zu positionieren“. 

 

„Woher weißt du, welchen Beruf mein Vater hatte?“.

 

„Aber Jo“, antwortete Sveta amüsiert: „Ich habe mich selbstverständlich informiert, bevor ich dich besucht habe“.

 

Dann ergänzte sie:

„Warum seid ihr nach dem zweiten Weltkrieg nicht mit nach Argentinien gezogen? Dein Vater hatte doch schon alle Verträge unterschrieben“.

 

„Ich weiß es nicht genau“, gestand Jo.

„Wahrscheinlich lag es daran, dass meine Schwester und ich noch Babys waren“.   

 

„Aber ihr hattet doch später oft Besuche von Deutschen, die in Argentinien arbeiteten“.

 

„Danke, dass du nicht ‚Nazis’ gesagt hast“, erwiderte Jo:

„Mein Vater war aber schnell wieder in der Raumfahrt tätig. Er war einer der ersten Angestellten bei der ERNO in Bremen, die heute zur EADS gehört“.

 

„Habt ihr deswegen ein Jahr früher die damalige DDR als ‚Republikflüchtlinge’ verlassen?“.

 

Jo bemerkte, dass er ausgefragt wurde.

 

„Sveta, ich war damals ein Kind. Ich kann mich an fast nichts erinnern und wir haben in der Familie darüber nie gesprochen“, log er.

 

Sveta lachte und schmuste mit ihm. Nach einer Weile sagte sie mehr zu sich, als zu Jo:

„Schon komisch eure Familie. Dabei hatte dein Vater doch so viele Erfolge mit der Entwicklung eines Tragflächenbootes in der DDR“.

 

 

            Nach einer längeren Pause, in der Jo den Wein seiner Nachbarin nachgeschenkt hatte, und Sveta ihren vierzigjährigen Körper, der durch Sport und Ernährung wie zwanzig aussah, präsentierte, bekannte sie ehrlich:

„Ich will ein Kind von Dir“.

 

„Warum?“, sagte Jo spontan. Nicht begreifend, was ihre Aussage bedeutete.

 

„Ich habe mich entschlossen“.

 

„Aber ich bin alt und arm“, Jo war ehrlich.

 

„Du bist ein Mann aus Deutschland“, bekannte Sveta:

„Du musst für unser Kind zahlen, oder der deutsche Staat“.

 

Jo verschwieg ihr, dass ein Urologe seine Samenstränge abgebunden hatte. Er erlebte ihre stark trainierte Beckenmuskulatur. 

 

 

In Amsterdam absolvierten sie die touristische ‚Grachtenfahrt’. Sveta fotografierte viele der angepriesenen Sehenswürdigkeiten. Jo freute sich über die hübschen, jungen negroiden Frauen, die scheinbar überall waren.

 

Sie aßen nach einem Spaziergang durch die Souvenirläden eine Kleinigkeit und tranken in einem Cafe grünen Tee.

 

„Genauso haben mir meine Bekannten Amsterdam beschrieben“. Sveta war zufrieden:

„Hier kann man doch Drogen ganz legal kaufen, oder?“

 

„Davon habe ich auch gehört“, antwortete Jo vorsichtig. Dann versuchte er das Thema zu wechseln und ergänzte ungeschickt:

„Berühmt sind auch die Discotheken hier“.

 

„Gibt es dort Drogen?“, fragte Sveta scheinheilig.

 

„Woher soll ich das wissen“, antwortete Jo unwirsch:

„Das letzte Mal war ich in Holland mit meinen Eltern. Wir haben den ‚Keukenhof’ besucht, Tulpenzwiebeln und billige Butter gekauft; es war vor Jahrzehnten“.

 

„Bist du oft mit deinen Eltern verreist?“.

 

„In meiner Jugend hin und wieder. Als ich älter wurde, war es aber nur noch Krampf. Irgendwann wurde ich erwachsen“.

 

Sveta legte ihre Hand auf Jos.

„Ja, irgendwann werden wir alle erwachsen. Unsere Eltern werden dann unwichtiger. Mir ging es genauso. Meine Großmutter hat mir erzählt, dass mein Vater eine deutsche Frau sehr geliebt hat. Er war in Potsdam stationiert. Dann wurde er nach der ‚Wende’ nach Vladiwostok versetzt. Er muss sie sehr geliebt haben. Ich hätte sie gerne mal besucht“.

 

Sie schwieg und trank von ihrem Tee.

„Es gibt so viele menschliche Schicksale auf der Welt“.  

 

„Ja“, antwortete Jo nachdenklich:

„Ich war früher oft bei meinen Verwandten in der DDR. Die Frau eines Cousins war immer bei mir. Wir haben uns geliebt. Dann starb sie plötzlich in einem Krankenhaus in Magdeburg. Zur Trauerfeier wurde ich nicht eingeladen. Ich erfuhr von ihrem Tod erst Monate später durch einen Brief meines Onkels“.

 

Sveta streichelte ermunternd Jos Hand.

 

„Nach der ‚Wende’ habe ich nur noch ein Mal meine Verwandten besucht. Es war, glaube ich, die ‚Jugendweihe’ einer Nichte. Ich war überrascht, dass dieses DDR-Fest immer noch gefeiert wurde. Später am Abend wurde ich plötzlich von einigen Gästen beschimpft und gefragt, mit ‚welchem Recht ich denn bei dieser Feier anwesend sei’. Ich verstand das nicht. Dann kam der Cousin meiner Geliebten, die verstorben war, und lud mich zur Besichtigung des Weinkellers ein. Dabei stieß er mich unter Beschimpfungen fast eine Treppe hinunter. Mein ehemaliger Schulkamerad, Egon half mir aber.

 

Als ich wieder zur Feier zurückkehrte, wurde ich in eine Diskussion mit völlig fremden Männern verwickelt, die klären wollten, warum mein Vater ‚in den Westen gemacht hätte’. Dabei lächelten sie und eine Kellnerin schenkte uns unzählige Schnäpse ein. Dann erschien mein Cousin, entschuldige sich lange über sein unmögliches Verhalten und bot mir Muscheln in wieder benutzbaren Plastikgehäusen an.

 

Ich aß nur eine, oder auf Drängen zwei. Jedenfalls habe ich mich die halbe Nacht übergeben, bis nur noch Blut kam. Das kleine Bad sah schrecklich aus. Früh morgens wollte ich flüchten. Aber die Verteilerkappe des Motors  meines Mercedes war gestohlen worden. Ich weiß bis heute nicht wie. Den Wagenschlüssel hatte ich immer in meiner Hosentasche. Warum machen Menschen so etwas?“  

 

Sveta hatte während Jos Erzählung seine Hand fest umklammert. Das gab ihm den Mut über das Erfahrene zu berichten.

 

„Du hast mit seiner Frau eine Beziehung gehabt“, antwortete sie mit fraulicher Logik.

 

„Aber er ist doch schwul! Sie und alle anderen haben das erzählt“.

 

„Gerade deshalb“, Sveta schüttelte ungläubig ihren Kopf über Jos Aussage:

„Bist du wirklich so naiv?“.

 

 

Auf der Rückfahrt nach Bremen schlief Sveta neben ihm ein.

 

„Bei Autofahrten kann ich nie schlafen. Ich bin der typische Beifahrer, der in Gedanken immer mitfährt“, hatte sie auf der Hinfahrt erzählt. Jetzt schlief sie doch. Aber vielleicht lag es auch an der Zigarette, die Jo ihr gekauft hatte. Sveta wollte alles erleben, was ihre Bekannten über Amsterdam erzählt hatten. 

 

 

           Sind wir schon da?“, Sveta war sofort aufgewacht, als Jo den Motor des Autos abgeschaltet hatte. Jo schleppte sich müde in seine Wohnung. Sveta war hellwach. Als Jo ihr eine gute Nacht wünschte und ins Bad ging, krabbelte sie in sein Bett. Sie war nach Deutschland gekommen, um schwanger zu werden.

 

 

           Jo, ich hatte schon gedacht, dass es geklappt hat“, Sveta klang enttäuscht:

„Aber trotz einer Woche Verzug, habe ich doch meine Blutungen bekommen“.    

 

Jo erzählte ihr nun doch von seinen abgebundenen Samenleitern:

„Wenn du unbedingt willst, kann ich es aber rückgängig machen“.

 

„Nein, brauchst du nicht. Es war eine Chance. Ich schreibe dir ein Mail“.

 

 

Jo las am Abend ihr Mail. Sie hatte eine Matrix entworfen. Links standen Begriffe wie Zuneigung, Liebe, Zärtlichkeit und Freundlichkeit. Waagerecht waren Bewertungen von eins bis sechs aufgeführt.

‚Typisch ehemalige Mathe-Lehrerin’, dachte Jo.

 

Dann erkante er schnell, dass er lediglich ein ‚Sehr gut’ bei Freundlichkeit errungen hatte.

Trotzdem entwickelte sich der Kontakt zu Sveta langfristig. Sie schrieb von ihren beruflichen Sorgen und ihren Problemen mit dem Vater ihres Sohnes, der in Belgien lebte.

 

Jo antwortete ihr offen, berichtete ihr sogar über seine Sorgen und sandte ihr Blumen zum ‚Womens-Day’, ihren Namenstag und Geburtstag.

 

Beide versuchten durch Smileys ihren Mails etwas Unverbindliches, Lustiges zu geben. Nach zwei Wochen ohne Antwort, ermahnten sie sich aber gegenseitig, Neuigkeiten auszutauschen.    

 

 

           Es ist dein Leben und das meiner besten Freundin“, sagte Elena. Jo hatte ihr von seinen Gefühlen zu Sveta erzählt:

„Das hat mit uns nichts zu tun“.

 

Einen Tag später erhielt Jo eine MMS von Elena mit sehr traurigen, russischen Liebesliedern.