Auszug aus dem neuen Buch "Seilschaften der Liebe" - noch keinen Verleger gefunden:
Marie-Pierre
Gerne träumte er dann von den guten Jahren bei seiner Firma. Er hatte sich umfangreiche Kenntnisse über das Buchungs- und Verkaufssystem aneignen können. Außerdem arbeitete er als Revisor für das Unternehmen. Eine der abwechslungsreichsten Monate hatte er in den europäischen Großstädten erlebt.
„Eine Woche Brüssel muss reichen“, Jos Chef war konziliant, aber er erwartete Ergebnisse: „Dann haben sie spätestens alle Fakten, warum der Laden dort nicht läuft“.
„Bei Problemen rufen sie mich sofort an“, ergänzte er, als Jo schon in der Tür stand.
Einen Tag später landete Jo in Brüssel. Ein Taxi brachte ihn zur Zentrale des belgischen Tochterunternehmens.
Jo starrt ungeniert auf die schlanken, langen Beine seiner Gesprächspartnerin. Sie hatten in einer bequemen Sitzecke Platz genommen. Ihr kurzer, enger Rock war beim Sitzen nach oben gerutscht.
„Ich bin hier die Assistentin des Direktors“. Ihre Aussprache hatte einen starken französischen Akzent: „Wir haben hier dreißig Mitarbeiter. Die Leiter werde ich ihnen vorstellen“.
Am zweiten Tag in Brüssel traf Jo den Direktor. Ein junger, großer Mann, den er noch aus Frankfurt kannte.
Mit breitem Lächeln begrüßte er Jo: „Ich trete ihnen meine Assistentin für eine Woche ab. Sie kennt das Unternehmen fast besser als ich. Meine Aufgabe ist es, vor allem den Verkauf zu steuern und mit Kunden zu sprechen. Deswegen habe ich leider keine Zeit für sie. Am Freitag treffen wir uns dann zum Abschlussgespräch“.
Trotzdem stellte ihm Jo die üblichen Fragen, wurde aber konsequent auf die Assistentin verwiesen.
„Fragen sie Marie-Pierre“, war die Standardantwort. Entweder fand er es unter seiner Würde mit Jo zu sprechen, oder er wollte eine Schuldige haben, wenn Unregelmäßigkeiten entdeckt würden.
„Ich lade sie heute zum Essen ein“, schloss er abrupt das Gespräch: „Um vierzehn Uhr. Marie-Pierre wird sie begleiten“.
Nach ein paar Informationen an seine Assistentin verließ er das Gebäude.
Um kurz vor zwei klopfte Marie-Pierre an die Tür des Büros, das Jo zugewiesen worden war.
„Wir können jetzt gehen“, sie lächelte Jo freundlich an.
„Ich komme gleich“, erwiderte Jo kühl. Sie sollte nicht denken, dass er sofort aufsprang, nur weil der Direktor zum Essen gebeten hatte.
Fünf Minuten später zog Jo seine Jacke an und ging zu Marie-Pierre. Sie saß gelangweilt an ihrem Schreibtisch und feilte sich die langen Nägel. Auf seinen überraschten Blick antwortete sie mit einem spöttischen Augenaufschlag und legte extrem langsam die Nagelfeile in ihren Schreibtisch. Die beruflichen Rituale der Einstufung in die Hackordnung waren auch ihr bekannt.
Die Wahl des Restaurants sollte Jo beeindrucken. Die belgische Küche ist schmackhaft, aber teuer, wenn sie sehr gut ist. Dieses Restaurant war so exklusiv, dass nur wenige Gäste zur Mittagszeit anwesend waren. Nach frischen Austern als Vorspeise, gab es Lobster. Anschließend Obst und Käse, sowie zum Dessert ein Potporie aus Eis und südländischen Früchten. Dazu wurde ein hervorragender Weißwein serviert.
Der Direktor hatte einen guten Kunden eingeladen, mit dem er sich über gemeinsame Hobbys und die aktuelle wirtschaftliche Situation in Europa unterhielt.
„Geschickt ist der Direktor“, dachte Jo. Im Beisein eines Kunden konnte Jo keine Fragen zur Situation der Tochtergesellschaft stellen. Er unterhielt sich überwiegend mit Marie-Pierre, erfuhr, dass sie mit einem ägyptischen Studenten zusammenlebte, den sie bald heiraten würde, gerne tanzte und Sonne und Wärme liebte. Sie verabredeten sich für den nächsten Tag zu einer Rundfahrt zu den belgischen Niederlassungen.
Nach dem gemeinsamen Essen verabschiedeten sie sich und Jo ging direkt in sein Hotel, da es schon achtzehn Uhr war.
Jo legte sich auf das Bett und dachte an seine Familie. Er hatte für seine Familie ein Haus mit öffentlichen Mitteln bauen können, da er vier Kinder hatte. Aber es war durch die Pleite des Bauunternehmens zu teuer geworden. Jo hatte mehr Geld aufnehmen müssen, damit der Bau des Hauses abgeschlossen werden konnte. Er bezahlte schon jetzt durch die aufgelaufenen überfälligen Raten mehr Zinseszinsen als Abträge für das Haus.
Dann fielen ihm die Beine von Marie-Pierre ein. In seinen Gedanken sah er ihre Gestalt wie in einem Film, der bei den Füßen begann und bei den Kopfhaaren endete. Über ihre schlanken Beine hatte sie eine kräftige Hüfte, die durch eine sehr schmale Taille betont wurde. Ihr Busen schien fast geschnürt zu sein, da er üppig und aufrecht von ihrer leicht geöffneten Bluse verdeckt wurde. Ein schlanker Hals trug ein Gesicht mit vollem Mund, gerader Nase und großen Augen. Umrandet von gekräuselten, schwarzen, schulterlangen Haaren strahlte ihre Erscheinung ein leichtes negroides Flair aus. Sie war das Kind von weißen und dunkelhäutigen Eltern.
Am nächsten Morgen holte Marie-Pierre Jo mit dem Dienstwagen vom Hotel ab. Es war ein großer BMW mit verdunkelten Scheiben. Sie fuhren zu den belgischen Niederlassungen. Die letzte lag an der Küste. Marie-Pierre hatte wieder einen engen, kurzen Rock an, der ihr beim Autofahren so hoch rutschte, dass Jo sich fragen musste, ob sie darunter etwas trug.
Die eintönige belgische Landschaft flog langsam an Jo vorbei. Die Küste war über eine Stunde von Brüssel entfernt. Marie-Pierre fuhr sehr vorsichtig.
„Persönlich fahre ich einen R4“, erzählte sie.
„Habe ich auch lange Zeit gefahren“, antwortete Jo: „Ein tolles Auto mit einer ungewöhnlichen aber sehr schnellen Schaltung“.
„Meinen Renault habe ich ‚Marie’ getauft“.
„Dann ist dein Auto weiblich?“. Sie hatten am Anfang der Fahrt die unpersönliche Anrede der Deutschen abgelegt.
„Selbstverständlich! Es ist doch mein Auto“, Marie-Pierre lächelte Jo intensiv an. Jo bekam feuchte Hände bei ihrem Blick.
Auch die Niederlassung an der Küste war für Jo eine einzige Enttäuschung. Kleine, dunkle Räume mit einem Mobiliar, das in Deutschland selbst beim Sperrmüll keine Abnehmer mehr gefunden hätte. Dicke, oft schwitzende Leiter und verängstigte Mitarbeiter zeigten Jo keinerlei adäquate Technik und keinen Internetanschluss. Hier wurde nur mit dem Telefon und handschriftlichen Aufzeichnungen gearbeitet. Eine wirkliche Kontrolle der Verkaufs- und Ergebniszahlen waren vom Wohlwollen der Niederlassungsleiter abhängig.
Zum Mittagessen lud Marie-Pierre Jo in ein touristisches Lokal mit Blick auf den Ärmelkanal ein. Sie bestellten Miesmuscheln, die hervorragend frisch zubereitet wurden. Marie-Pierre bestellte einen guten Weißwein und schenkte Jo fleißig nach.
„Ich kann nur ein Glas trinken“, begründete sie: „Du musst doch sicher und unverletzt nach Brüssel zurück“. Dabei sah sie ihm schon wieder tief in die Augen. Jo konnte eigentlich nachmittags keinen Wein vertragen, er machte ihn schläfrig und unkonzentriert. Trotzdem musste Marie-Pierre zwei Flaschen Weißwein bezahlen, als sie die Rechnung des Mittagessens verlangt hatte.
Davor hatten sie lange über das gemeinsame Unternehmen gesprochen, bei dem sie angestellt waren. Jo erzählte viel und einige geheime Informationen, um sich wichtig erscheinen zu lassen, aber er empfand ihren Fuß an seinem Bein als sehr erregend und als sie ihre Hand auf seine legte, hatte er kühne Pläne mit ihr.
Im Auto schlief Jo ein und wurde von Marie-Pierre erst am Hotel geweckt. Mit schlechtem Geschmack im Mund und Enttäuschung über sich selbst verabschiedete er sich:
„Tut mir leid, dass ich eingeschlafen bin. Ich kann tagsüber keinen Alkohol vertragen“.
„Keine Sorge, ich erzähle es niemanden. Aber es ist schade, dass wir uns nicht näher gekommen sind“, sie lächelte Jo wieder herausfordernd an.
Doch Jo stieg aus, schlug die Wagentür zu und schwankte immer noch etwas in sein Hotelzimmer.
Um zehn Uhr abends wurde Jo durch das Klingeln seines Telefons geweckt.
„Hast du Lust mit mir in ein Variete zu gehen?“. Marie-Pierres Stimme war hellwach.
„Selbstverständlich gerne“, log Jo.
„Ich langweile mich im Hotel“, ergänzte er, damit sie nicht denken würde, er wäre immer noch am Schlafen.
„Ich bin in einer halben Stunde beim Empfang deines Hotels. Bis gleich“.
Marie-Pierre legte auf und Jo sprang aus seinem Bett. Er duschte sich ausgiebig, vor allem zum Abschluss kalt, und zog sich schnell an. Trotzdem rief die Rezeption bei ihm an, dass eine junge Dame auf ihn warten würde.
„Schön, dass Du Zeit für mich hast“. Marie-Pierre hatte ihre Locken hochgesteckt und trug ein knielanges Kleid, das sie sehr umsichtig ausgesucht haben musste. Sie erschien schlanker und femininer als bei der Arbeit. Jo empfand Freude, mit ihr ausgehen zu können. Oder war er stolz, dass sie ihn eingeladen hatte?
Das Varietee entpuppte sich als Stripteaselokal. Aber es waren keine billigen, Sex betonten Darstellungen, sondern hübsche, junge Frauen mit Idealmaßen, die mit choreografisch intensiv eingeübten Darstellungen die Zuschauer faszinierten.
Bei einer Flasche Sekt erläuterte Marie-Pierre ihm:
„Selbst das belgische Fernsehen war schon hier. Es ist der Geheimtipp von Brüssel“.
Nur in den Pausen der Vorstellungen, in denen die aktuellen Hits leise zu hören waren, konnte sich Jo mit Marie-Pierre unterhalten. Während der Darbietungen war die Musik sehr laut und die Konzentration der Menschen an den vollbesetzten Tischen war zwangsläufig nicht auf den Tischnachbarn gerichtet. Die Vorstellungen mit Ballett-Einlagen waren zu eindrucksvoll.
Marie-Pierre hatte sich nach einer halben Stunde neben Jo gesetzt, damit sie sich wenigstens einige Worte während der Darbietungen in ihre Ohren schreien konnten. Dazu kam der Sekt, der körperliche Nähe forderte. Jo war vorsichtig geworden und bestellte sich einen Löffel, damit er die Kohlensäure aus dem Sekt rühren konnte. Das verringerte die Rauschwirkung, hatte er irgendwo gelesen.
Um drei Uhr nachts endeten die Vorführungen der schönen Frauen. Wer wollte, konnte noch mit den Darstellerinnen tanzen. Da Marie-Pierre auf der Toilette war, konnte Jo sich nicht beherrschen und tanzte mit einer nackten Schönheit. Aber nur kurz, denn Marie-Pierre kam zurück.
„Kann man dich nicht eine Minute aus den Augen lassen! Schon treibst du Unsinn“, sie sagte es aber lachend und zog ihn zum Ausgang. Der Kellner eilte ihnen nach und Jo bezahlte die geforderte Summe, da er annahm, dass Marie-Pierre erhebliche Schwierigkeiten haben würde, diese Summe bei der Firma abzurechnen.
Im Hotel gingen sie Hand in Hand am Portier vorbei, der ihnen freundlich lächelnd den Zimmerschlüssel gab. Jo war sterbensmüde. Aber als er erkannte, dass Marie-Pierre weder einen BH noch eine Hose unter ihrem Kleid trug, kam sofort Leben in ihn zurück.
Marie-Pierre kannte ein Lokal, dass morgens um sechs noch geöffnet hatte. Sie fuhren in ihrem R4 zu einem Restaurant, in dem die Nachtstreicher herzhaft essen konnten. Es gab eine riesige Portion Nudeln mit Soße Bolognese. Jo schaffte es nicht, sie aufzuessen.
Als Jo übermüdet erst um zehn Uhr im Büro der Tochtergesellschaft erschien, erfuhr er, dass Marie-Pierre sich krank gemel-det hatte. In Deutschland hätte das Jo auch getan. Er konnte sie gut verstehen. Bereits um elf Uhr rief Marie-Pierre ihn an.
„Hast du Lust, am Wochenende mit mir in ein Ferienhaus am Meer zu fahren“, fragte sie direkt.
„Ich kann sehr gut kochen. Das Haus gehört einem Vater meiner Freundin. Bitte, nehme dir die Zeit“.
„Am Wochenende?“, Jo überlegte nur kurz: „Natürlich gerne. Kommst du vorher nicht mehr in das Büro?“.
„Nein, niemand würde mir meine Krankheit glauben, wenn ich nach einem Tag wieder im Büro bin!“.
„Wo treffen wir uns?“, Jo war sich plötzlich unsicher, ob er diese Intensität der Beziehung wollte.
„Ich rufe dich wieder an“. Marie-Pierre legte auf.
Am Freitagnachmittag berichtete Jo dem Direktor nur einen Zwischenstand seiner Analysen des Unternehmens. Bereits am Abend vorher hatte Jo seinen Chef in Bremen angerufen und von dem desolaten Zustand der Tochtergesellschaft berichtet.
„Jo, beim besten Willen so geht es nicht“, hatte sein Chef ins Telefon geschrieen:
„Ich habe auch meine Informanten. Der Direktor hat sich beschwert, dass du ein Verhältnis mit seiner Assistentin hast. Bist du denn völlig ausgerastet? Er will, dass du sofort abreist. Verstehst du, sie war vorher seine Geliebte“.
„Ich kann sehr gut zwischen privaten und Firmeninteressen unterscheiden“, versuchte Jo gelassen zu reagieren:
„Sie und ich kennen den Direktor noch aus Frankfurt, als wir ihn als Trainee auf Wunsch seines Vaters, dem deutschen Manager des BSP, eingestellt haben. Seitdem haben wir großen Einfluss auf die Airline-Abrechnungen. Das erspart uns eine Bankbürgschaft und viel Geld durch die monatliche Abrechnung“. Jo kämpfte nicht um das Wochenende mit Marie-Pierre, sondern um seinen Status bei der Firma.
„Trotzdem“, antwortete sein Chef: „Nehmen sie diesen Auftrag ernst, oder sie müssen die Konsequenzen tragen“.
Jo dachte erfreut: „Er lenkt ein!“
„Also, sie werden in ihrem Bericht vorschlagen, die belgische Tochtergesellschaft zu schließen“, sein Chef wollte Ergebnisse, die in sein Kalkül passten:
„Maximal noch eine Woche. Dann will ich Fakten und Zahlen, um das Engagement der Geschäftsführung in Belgien beenden zu können. Ich verlasse mich auf sie“.
Jo sagte seinem Chef nicht, dass Marie-Pierre ihm eine Besonderheit des Vorsitzenden der Geschäftsführung erzählt hatte. Diesen Trumpf hob er sich für später auf, wenn es für ihn in der Firma ‚eng’ werden könnte.
Das Wochenende im Ferienhaus an der belgischen Küste belohnte Jo für seinen Einsatz, länger in Belgien zu bleiben. Im Winter beim Kaminfeuer zu träumen, einen jungen hübschen Körper zu spüren, gute belgische Nationalgerichte zu essen und angeschmiegt am sandigen Strand spazieren zu gehen, bevor die wohlige Wärme des Ferienhauses eine glückliche Vereinigung von Liebenden ermöglichte, das waren Momente voller Zufriedenheit und Glücks für Marie-Pierre und Jo.
Am Sonntagabend packten sie ihre wärmenden Kleidungsstücke ein und brachen nach Brüssel auf. Der betagte R4 sprang trotz eisiger Kälte sofort an.
„Sie ist wie ich“, sagte Marie-Pierre, „bei der richtigen Zündung komme ich auch sofort“. Dabei lachte sie Jo freundlich an.
Aus den Personalakten der Tochtergesellschaften hatte Jo erfahren, dass sie am Donnerstag der Folgewoche Geburtstag hatte. Er entschloss, genau an diesem Tag abzureisen. Er bildete sich ein, Marie-Pierre dadurch auf ihre Zuverlässigkeit prüfen zu können.
Kurz vor seiner Abreise holte er einen riesigen Strauß roter Rosen von einem nahe liegenden Floristen. Er überreichte ihn vor den Augen des Direktors und einiger Angestellten an Marie-Pierre. Der Eklat war perfekt. Jo war sich sicher, dass der Direktor ihn spätestens jetzt hassen würde. Aber wichtiger war ihm die Reaktion des Geburtstagskindes.
Marie-Pierre erröte offensichtlich. Dann entschied sie sich für Jo.
„Schade, dass du heute abreisen musst“, sagte sie mit fraulicher Logik: „So einen schönen Strauß Rosen habe ich noch nie zum Geburtstag bekommen. Danke!“. Dabei küsste sie Jo auf beide Wangen. Sie hatte Stellung bezogen.
Viele Jahre später fragte ihn der ältere Niederlassungseiter von Frankfurt, ob er noch Kontakt mit Marie-Pierre hätte. Nach dem Verkauf der belgischen Tochtergesellschaft war er Direktor einer Hauptniederlassung in Deutschland geworden. Jo verneinte sicherheitshalber. Er hasste eifersüchtige Kollegen.
Nach seiner Rückkehr aus Brüssel empfahl Jo seinem Chef, die Tochtergesellschaft in Belgien aufzulösen. Sie war ohne ständige finanzielle Zuschüsse der Muttergesellschaft nicht überlebensfähig.
Der Vorschlag zur Liquidation wurde angenommen und sofort umgesetzt.
Noch am gleichen Abend rief Jo seine belgische Freundin an.
„Ich habe es gewusst“, sagte sie gelassen zu ihm.
„Ich war bereits beim Anwalt. Ich kenne auch die Zahlen des belgischen Unternehmens und als du kamst, war es für mich klar, dass ich arbeitslos werde“.
„Du bist also nicht sauer auf mich?“, fragte Jo.
„Nein, selbstverständlich nicht“, Marie-Pierre antwortete schnell:
„Bitte erwähne nicht, dass du mich kennst. Ich werde eine sehr hohe Abfindung fordern“.
‚Jetzt ist sie etwas naiv’, dachte Jo. Ihre Beziehung hatte sich doch längst in der Firma herumgesprochen. Aber Jo sagte:
„Liebling, gut, dass du beim Anwalt warst. Setze deine Forderung hoch an, du wirst auf wenig Widerstand stoßen“.
Jo behielt Recht. Beim Abschlussgespräch über die Auflösung der belgischen Tochter berichtete der Geschäftsführer:
„Alles lief problemlos und auch günstiger, als wir eingeplant hatten. Nur die Assistentin des Direktors hat uns mehr als geplant gekostet“. Mit einem Augenzwingern zu Jo ergänzte er noch: „Ein klarer Fehler des Direktors. Er hätte sie nicht zur Assistentin befördern dürfen“.
Jo wurde von seinem Chef beauftragt, auch die anderen europäischen Tochtergesell-schaften zu analysieren.
„Du musst raten, wie viele Streichhölzer dein Gegenspieler in der Hand hat. Er rät auch deine. Wer der gesamten Zahl am nächsten kommt, gewinnt“.
„Aber vergiss nicht, wir spielen hier mit unseren Kunden. Gewinne also nicht zu oft“, fügte der Direktor der österreichischen Tochtergesellschaft hinzu. Aber Jo gewann bei diesem Spiel nie.
Es war der erste Nachmittag in Wien. Nach dem Mittagessen war der Direktor mit Jo in eine Bar gegangen. Jo wurde mehreren Männern vorgestellt, die alle gute Kunden der Firma waren.
„Hier in Wien läuft alles anders, als in Deutschland“, hatte der Direktor Jo erklärt:
„Der menschliche Kontakt ist entscheidend“.
Gegen Abend erinnerte sich Jo, dass Marie-Pierre eigentlich schon eingetroffen sein musste. Er verabschiedete sich schnell und rannte zum Bürohaus. Auf der Treppe vor der Tür saß Marie-Pierre.
„Wo warst du denn?“, fragte sie ihn böse.
„Ich sitze hier schon eine halbe Stunde vor der abgeschlossenen Tür. Niemand ist mehr hier. Sogar mit meinem Fuß habe ich gegen die Tür getreten“.
„Entschuldige bitte“, Jo nahm sie in den Arm und küsste ihre Wangen. „Beim nächsten Mal verabreden wir uns direkt im Hotel. Dann kann so etwas nicht wieder passieren“.
Mit dem Taxi fuhren sie zum Hotel. Es war in Absprache mit Jo ein hochwertiges Wiener Hotel. Nach den Folgen des Besuches von Jo in Belgien wurde er neuerdings bei seinen Geschäftsreisen fast hofiert.
In den folgenden vier Tagen arbeitete Jo nur vormittags. Der Direktor hatte nachmittags regelmäßig Kundenbesuche vereinbart, wie er Jo bedeutungsvoll mitteilte. Außerdem nannte er ihm die Lokale und Sehenswürdigkeiten, die Jo unbedingt besuchen müsste. Auf einen Abschlussbericht über Jos Analysen konnten beide verzichten, sie waren sich einig geworden.
Jo schaffte es trotzdem nicht, Marie-Pierre alle Sehenswürdigkeiten und guten Restaurants zu zeigen. Sie verbrachten zu viel Zeit im Hotelzimmer.
Bei der Schweizer Tochtergesellschaft wohnten sie in einem gediegenen Hotel auf einem Berg über Zürich. Dort waren sogar die Aftershave-Rasierwasser von teuren Herstellern wie ‚Givenchy’ im Hotelpreis inbegriffen.
„Das ist ein tolles Parfüm. Genau passend zu deinem Typ“, hatte Marie-Pierre geschwärmt, als er es ausprobierte. Seitdem kaufte Jo nur noch Produkte von diesem Hersteller.
Sie unternahmen erholsame Schifffahrten auf den wunderschönen Seen der Schweiz, genossen die frische Luft und die beeindruckenden Berge. Nebenbei wurden die Nebenstellen der Gesellschaft besucht, deren Leiter sie in schweizerische Spezialitäten-restaurants einluden.
In Paris und Luxemburg wurden Jo bereits fast fertige Analysen der Tochtergesellschaften übergeben, damit er genügend Zeit hatte, Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Keiner dieser europäischen Standorte wurden geschlossen. Im Gegenteil, es wurde auf Expansion gesetzt. Ein Jahr später öffnete sogar das erste europäische Callcenter der Firma in der Nähe von Brüssel.
Geschäftsführer Logik
Bevor Jo sich mit Marie-Pierre in Madrid verabredeten konnte, bat sie ihn um einen gemeinsamen Kurzurlaub an der Nordsee, die sie noch nie gesehen hätte.
„Aber im Februar ist es kalt und meist regnerisch an der Nordsee“, hatte Jo entgegnet.
„Bitte Jo, es ist mein wirklicher Wunsch!“.
Als Jo deswegen seinen Besuch in Madrid verschieben wollte kam, es zu einem ernsten Gespräch mit seinem Chef.
„Alles was recht ist“, brauste sein Chef auf:
„Wir bezahlen dir und deiner belgischen Geliebten die Flüge und Hotels zu unseren europäischen Standorten. Ich habe mir deine Spesenabrechnungen geben lassen. Horrende Kosten! Du hast entschieden übertrieben! Ich werde deswegen mit dem Geschäftsführer sprechen müssen. Aber eines kannst du dir abschminken, deinen Nordseeurlaub bezahlen wir bestimmt nicht“.
Jo war erleichtert, selbstverständlich wollte er seinen Urlaub nicht von der Firma bezahlt bekommen. Er wollte nur die Zeit dafür genehmigt haben. Als er dieses erklärte, beruhigte sich sein Chef merklich.
„Muss doch alles im Rahmen bleiben“, meinte er:
„Trotzdem, über die Reisekosten mit deiner Freundin werde ich den Geschäftsführer informieren müssen“.
Er schwieg und sah Jo nachdenklich an. Jo fiel ein, dass sein Chef ein Verhältnis mit der Leiterin der Buchhaltung hatte. Jetzt war sie plötzlich Leiterin des Finanz- und Rechnungswesens geworden.
„Was sagt eigentlich deine Frau dazu?“, fragte sein Chef Jo plötzlich.
„Ich habe es ihr nicht gesagt. Es sind doch alles Geschäftsreisen“, antwortete Jo.
Sein Chef lachte, stand auf und klopfte ihm auf die Schulter: „Mir geht es ja genauso. Aber nicht weitersagen“. Dabei grinste er mit breitem Mund und schob Jo aus seinem Büro.
Jo erinnerte sich an die ‚guten alten Zeiten’ der Firma. Die gesamte Führungsriege war nach New York mit Freiflugscheinen der Airlines geflogen. Steigenberger hatte die Hotelzimmer gestellt.
„Ich musste deinem Chef eine Negerin bestellen, weil er kein Englisch konnte“, betrunken hatte der Ausbildungsleiter dieses Jo kichernd berichtet: „Er hatte noch nie eine Schwarze gehabt. Gab es damals in Worpswede im Edelpuff auch nicht“, ergänzte er.
„Ich war der Rangniedrigste und musste alles organisieren und abrechnen“, Jos Gesprächs-partner führte sein Weinglas wieder zum Mund:
„Musste am nächsten Morgen die ganzen Bars und Bordelle abfahren und die Rechnungen bezahlen, wenn Meetings in Bremen stattfanden. Kannst Dir nicht vorstellen, was damals in den guten Zeiten los war“.
Einen Tag bevor Jo sich mit Marie-Pierre zu einem Kurzurlaub auf Wangerooge verabredete, traf er zufällig seinen Geschäftsführer auf dem Flur.
„Na, alles klar“, das war die Standardfrage der Führungsriege, wenn sie jemanden auf dem Flur trafen.
„Ja, schönen Gruß von Marie-Pierre“, antwortete fröhlich Jo.
Der Geschäftsführer, schon an Jo vorbei gehastet, blieb abrupt stehen, drehte sich zu Jo um und sah ihm in die Augen.
„Ach ja. Du bist jetzt intim mit ihr, wie ich gehört habe. Aber sei vorsichtig“, dabei drehte er sich wieder um: „Übertreibe es nicht!“.
Jo hatte seinen Trumpf ausgespielt. Sein Geschäftsführer musste annehmen, dass Jo sein „kleines Geheimnis“ kannte. Marie-Pierre hatte es Jo in einem zärtlichen Augenblick erzählt. Zwei Stunden später wurde Jo dringend zu einem Gespräch zum Geschäftsführer gerufen. Jo war verunsichert, hatte er ‚übertrieben’, wie ihm oft genug angedroht worden war? Trotzdem lächelte er freundlich, als er in das Vorzimmer eintrat. Julia, Jos ehemalige Freundin, lächelte zurück.
„Warte noch einen Augenblick“, sagte sie:
„Wie geht es Dir?“
„Bis jetzt ganz gut“, antwortete Jo ehrlich.
„Mache dir keine Sorgen“, Julia verließ ihren Schreibtischstuhl und setzte sich neben Jo auf die Besucher-Couch aus Leder.
„Beim nächsten Betriebsfest tanzen wir aber wieder lange zusammen, OK?“. Jo überlegte kurz, ob das eine Drohung oder freundliche Einladung war. Aber aus der Vergangenheit wusste er, dass es nur freundlich gemeint sein konnte.
„Immer wieder gerne“, antwortete er fröhlich: „Weißt du, wann das nächste Betriebsfest ist?“
Da klingelte Julias Telefon. Sie sprang sofort auf und hob den Hörer ab.
„Selbstverständlich ist er hier. Schon längere Zeit“, dabei lächelte sie Jo an und zwinkerte mit einem Auge.
„Du sollst rein gehen. Viel Spaß!“.
Jo stand auf und trat in das ‚Allerheiligste’, das Büro des Geschäftsführers.
In dem großen Raum, der mit Bildern der Firmengründer und historischen Plakaten verziert war, stand ein absolut gegensätzlicher moderner, kleiner Schreibtisch mit zwei passenden Besucherstühlen. Die Größe des Raumes wurde dadurch noch betont. Alle vier Fenster des Chefzimmers waren –wie immer– weit geöffnet.
„Ich ertrage den Mief der Geschichte dieses Unternehmens sonst nicht“, hatte sein Geschäftsführer Jo geantwortet, als er gefragt hatte, warum selbst bei kaltem Wetter die Fenster immer weit geöffnet seien.
Auf einem Besucherstuhl vor dem Geschäftsführer saß der Inhaber der Lieferantenfirma für Büromaterial, der die über vierhundert deutschen Zweigstellen beliefern durfte.
Der Geschäftsführer wies Jo mit einer Handbewegung an, Platz zu nehmen. Er telefonierte gerade mit einer Mietwagenfirma, wie Jo hörte. Es ging um die kostenlose Bereitstellung von Mietwagen für eine Kundenveranstaltung. Endlich war das Gespräch erfolgreich beendet.
„Gratuliere“, der Geschäftsführer wendete sich direkt an Jo: „Sie haben eine hervorragende und Kosten reduzierende Analyse für unseren Büromaterial-Lieferanten erstellt“.
Jo begriff nichts. Er hatte sich noch nie um den Sektor Büromaterial gekümmert, geschweige denn, eine Analyse darüber erstellt.
„Aus Dank für ihren Einsatz will unser geschätzter und zuverlässiger Lieferant ihnen einen Betrag überweisen. Geben sie ihm bitte ihre Bankverbindung, damit er sich für ihre hilfreiche Unterstützung bedanken kann“.
Sein Sitznachbar vor dem Schreibtisch des Geschäftsführers überreichte Jo einen Brief, auf dem Jo seine Bankverbindung eintragen sollte. Jo überflog den Brief, in dem der gerade, Jo völlig unbekannten, beschriebenen Sachverhalt stand. Er erkannte fröhlich eine erhebliche Summe und setzte gerne die Daten seiner Bankverbindung ein. Seine Kosten für den Urlaub mit Marie-Pierre waren damit mehr als ausgeglichen.
„Selbstverständlich bleibt das unter uns“, betonte der Geschäftsführer. Jo und der Lieferant nickten.
„Kein Wort nach draußen. Das gilt natürlich für alle Interna dieses Unternehmens“.
Jo direkt ansehend ergänzte er noch:
„Sie haben das verstanden?“.
Jo nickte noch einmal mit dem Kopf, dann hatte er das Zimmer zu verlassen.
„Na, war doch halb so schlimm“, Julia grinste Jo im Vorzimmer an.
„Du musst lernen, mehr Selbstvertrauen zu zeigen“, riet sie ihm noch, bevor sie das schon länger klingelnde Telefon bediente. Sie winkte ihn noch zu, dann verschwand Jo glücklich in seinem Büro.
Wangerooge
Auf Wangerooge, dem von Jo ausgewähltem Ort zum Kennen lernen der Nordsee, rutsche Marie-Pierre auf dem gefrorenen Weg zum Hotel aus. Sie rammte sich den spitzen Hacken ihres Schuhes in das linke Bein. Es blutete stark. Marie-Pierre lehnte aber jegliche ärztliche Versorgung strikt ab.
Das fast leere Hotel, Jo zählte nur vier weitere Paare beim Frühstück, der Nebel, der nur vom Regen unterbrochen wurde, ermunterte beide nach drei Tagen, ihren Urlaub abzubrechen. Beide waren zwar durch die Sonnenbänke im Hallenbad braun geworden, doch jeder Spaziergang musste wegen der Nässe und des peitschenden Windes abgebrochen werden. Bei Nebel wollten beide Liebenden keinen Rundgang über die Insel wagen.
„Meine Schwester ist verreist“, schlug Jo vor: „Sie hat ein gemütliches Haus in Worpswede, das ist in der Nähe von Bremen. Lass uns dort hinfahren“.
Marie-Pierre willigte dankbar ein.
Kurz vor der Abfahrt der Fähre zum Festland kaufte Jo aus Langeweile einen Ring bei einem Juwelier für Marie-Pierre. Sie war darüber sehr glücklich. Hand in Hand gingen sie zum Anleger der Fähre.
Nach mehreren Stunden Autofahrt erreichte sie den Bungalow der Schwester von Jo. Marie-Pierre bewunderte den gediegenen Luxus des Hauses und Jo entzündete den Kamin.
Marie-Pierre ging in die Küche und versuchte aus den Vorräten im Kühlschrank ein Essen zu bereiten.
„Es ist ein belgisches Nationalgericht“, erklärte sie stolz.
„Alle wesentlichen Zutaten waren da“, ergänzte sie ehrlich:
„Es fehlen nur einige Gewürze, die deine Schwester wohl nicht benutzt“.
Jo genoss ihren belgischen Eintopf, obwohl er nach der langen Fahrt müde war.
Folgerichtig beschwerte sich Marie-Pierre auch nach dem folgenden Liebesspiel vor dem Kamin:
„Ein bisschen länger und mehr Ausdauer von dir wäre auch schön gewesen“.
Später, als sie eine Flasche Wein geöffnet hatten und nackt auf der Couch von Jos Schwester saßen, nahm Marie-Pierre Jo in ihre Arme, drückte ihn fest an sich, küsste ihn lieb auf den Mund und sagte ihm unter dem gemütlich prasselnden Geräusch der verbrennenden Holzscheide im Kamin:
„Ich bekomme ein Kind. Es ist selbstverständlich von meinem ägyptischen Freund. Wir waren zwar selten zusammen, weil er viel trinkt, aber ich habe beschlossen, ihn zu heiraten. Also ist es sein Kind“.
Jo war erstarrt.
„Du musst mich verstehen“. Marie-Pierre streichelt seine Hände.
„Du bist verheiratet und hast vier Kinder. Er ist Arzt und wird in Ägypten arbeiten. Du weißt, wie ich Sonne und Wärme zum Leben brauche. Wir werden bald heiraten und nach Alexandria fahren. Dort hat er eine Anstellung im Krankenhaus“.
Marie-Pierre schwieg und Jo wusste nicht, was er sagen könnte. Dann brachte Marie-Pierre noch ein Argument:
„Meine Mutter hat mich vor euch Deutschen gewarnt. Ihre wäret so anders im Charakter aber auch verführerisch“.
„Trotzdem habe ich die Zeit mit dir sehr genossen“. Ergänzte sie nach einer weiteren Pause.
Jo erwachte aus seiner Starre.
„Was ist, wenn das Kind doch von mir ist?“.
Marie-Pierre antwortete nicht. Sie stand auf und fotografierte sich und Jo vor dem Kamin mit dem Selbstauslöser ihrer Kamera.
Am nächsten Morgen zog sich Marie-Pierre erst an, als Jo endlich begriffen hatte, dass sie ihn spüren wollte. Danach fuhr sie nach Brüssel zurück. Vorher kaufte sie noch ‚Gummibärchen’ für Jos Kinder und eine Flasche südfranzösischen Wein bei Jacques-Weindepot in Borgfeld.
„Die bringe ich meinem zukünftigen Mann mit“, sagte sie traurig zu Jo: „Ich habe einen Kurzurlaub im Süden von Frankreich hinter mir“.
Dann lachte sie, küsste Jo wie einen alten Bekannten auf beide Wangen, drehte sich um, bestieg ihren R4 und fuhr aus dem Fenster mit einer Hand winkend die Borgfelder-Landstraße in Richtung Autobahn.
Viele Jahre später, Jo hatte eine jüngere Frau geheiratet und zwei Kinder bekommen, gab Jo im Büro aus Langeweile den Namen von Marie-Pierre im Internet ein.
Den Nachnamen hatte er nie vergessen, da er so gut zu ihr passte: ‚Lecat’.
„Die Katze“, wie er aus zwei Fremdsprachen frei übersetzte. Aber so war sie gewesen. Anschmiegsam und zärtlich, wenn sie wollte. Aber wehe, wenn sie ihre Krallen entblößte.
Google teilte Jo mit, dass Marie-Pierre eine Maklerin in Kanada geworden war. Er sandte ein Mail an ihre Adresse und sie antwortete sofort:
„Meine Ehe in Alexandria ist schnell zerbrochen“, schrieb sie, „nur Alkohol und Drogen. Ich bin nach Kanada ausgewandert. Quebec wegen meiner französischen Sprachkenntnisse. Meine Kinder sind bei mir. Sie sind jetzt das Wichtigste für mich. Gott wird uns helfen!“.
Jo berichtete von seiner gescheiterten ersten Ehe und seiner neuen Beziehung, aus der zwei Kinder entstanden waren. Sie vereinbarten, Fotos ihrer Kinder auszutauschen.
Lange Zeit erhielt Jo keine Antwort. Erst als Marie-Pierre ihm Mails sendete, die an den Präsidenten von Amerika gerichtet waren, mit der Bitte, den Irak-Krieg zu beenden, und Jo sich beschwerte, dass er solche Mails nicht weiterleiten würde, erhielt er ein Mail mit einem Foto von Marie-Pierre und ihren Kindern.
Marie-Pierre war etwas dick und natürlich älter geworden. Viele Sorgen waren in ihr Gesicht gebrannt. Ihre Tochter erinnerte Jo an die junge Marie-Pierre, die er in Brüssel geliebt hatte. Auch sie hatte dunkle Augen, hellbraune Haut und das natürlich gekräuseltes schwarzes Haar ihrer Mutter. Ihr älterer Bruder war größer als sie. Er war der Erstgeborene. Jo zoomte das Bild auf seinem Computer größer. Er sah die hellblauen Augen und fast blonden Haare eines zwanzigjährigen Jungen mit ihm bekannten Gesichtszügen. Marie-Pierre antworte auf keines seiner fragenden Mails.
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